Immer weniger Feldvögel


Schlechte Zeiten für Kiebitz, Rebhuhn und Co. - Anzahl der Feldvögel hat sich seit 1980 halbiert / Intensive Landwirtschaft bedroht Lebengrundlage zahlreicher Arten

Badisches Tagblatt 20.August 2012

Das Rebhuhn. Sein Bestand hat sich seit 1980 in Europa um 80 Prozent reduziert
Das Rebhuhn. Sein Bestand hat sich seit 1980 in Europa um 80 Prozent reduziert

Rastatt - Die Anzahl der Feldvögel nimmt europaweit drastisch ab, der Bestand einiger Arten hat sich seit 1980 sogar halbiert, wie eine aktuelle Studie der Dachorganisation Bird Life International und des European Bird Census Councils belegt. Über die Situation von Feldvögeln hat sich BT-Redakteuer Markus Koch mit Martin Klatt , Geschäftsführer des NABU-Kreisverbands Rastatt, unterhalten.


BT: Herr Klatt, Deutschland ist hinsichtlich des Rückgangs bei Vögeln der Agrarlandschaft europaweit auf dem drittletzten Platz. Welche Ursache haben zu dieser Entwicklung geführt?

Martin Klatt: Seit der zunehmenden Intensivierung der Landwirtschaft, die bereits in den 1960er Jahren eingesetzt hat, ist Anzahl der Feldvogelarten immer weiter zurückgegangen. Die Bestände können sich mehr als schlecht als recht halten. Eine Ursache hierfür ist das Entfernen von wertvollen Hecken und Büschen um die Anbauflächen zu vergrößern. Dadurch gehen zum einen Nistmöglichkeiten und zum anderen Futterangebote verloren.

Der zunehmende Bedarf an Biomasse, die vorwiegend aus Mais gewonnen wird, verschärft den Trend zur Intensivierung.

BT: Im Zusammenhang mit dem Verlust von Arten wird häufig der Begriff "Biodiversität" verwendet. Können Sie diesen Begriff unseren Lesern erläutern?

Klatt: Unter Biodiversität versteht man die Gesamtheit der Lebensräume, der Arten und der genetischen Vielfalt dieser Arten. Entscheidend für die ökologische Qualität eines Lebensraumes ist die Frage, ob die für diesen Lebensraum typischen Arten noch ausreichend vorhanden sind. Häufig wird dieser Begriff mit der Artenvielfalt allein oder schlicht der Artenzahl verwechselt. Diese stellt jedoch nur die Anzahl der Arten in einem Lebensraum dar - egal, ob diese dort eigentlich hingehören oder nicht.

BT: Welche Feldvögel sind nun in unserer Region besonders bedroht?

Klatt: Feldlerche, Rebhuhn und Goldammer, auf die wir bereits mit unserer Aktion "Vogel des Jahres" aufmerksam gemacht haben. Damit möchte der NABU die Situation von bedrohten Vögeln verstärkt ins Bewusstsein rufen. Durch den Rückgang von Hecken und die Umwandlung von Wiesen in Ackerflächen werden zudem Vögel des Grünlands wie Kiebitz und Braunkehlchen bedroht. Ein besonders gravierender Artenrückgang ist beim Rebhuhn und Braunkehlchen zu beklagen.

BT: Was wird in der Region dagegen unternommen?

Klatt: Das Rebhuhn ist ein echtes Sorgenkind. Der Ansatz der Jägerschaft, durch den Hegeverein Lebensraum Rheinaue Durmersheim das Rebhuhn wieder anzusiedeln, ist gut. Das Problem ist allerdings, dass die Landwirtschaft weiterhin intensiviert wird.

BT: Was hat der NABU-Kreisverband Rastatt bislang unternommen, um auf die Problematik der schwindenden Biodiversität in der Agrarlandschaft hinzuweisen?

Klatt: Ein Versuch, die Öffentlichkeit auf das Problem hinzuweisen, waren die Aktionstage zum Öko-Landbau, die wir über viele Jahre angeboten haben. Ökologischer Landbau trägt nachweislich zur Verbesserung der Biodiversität bei.  Die Feldführungen waren gut besucht, jedoch konnten wir wegen der Vielzahl von Aufgaben im Naturschutz dieses Angebot nicht aufrechterhalten.

BT: Wie könnte ein verbesserter Artenschutz bei der Intensivbewirtschaftung der Felder erreicht werden?

Klatt: Hier hängt alles von den Stellschrauben der EU ab. Die Transferzahlungen stützen sich auf zwei Säulen: Direktzahlungen für die Produktion und indirekte Zahlungen für die Landschaftspflege beziehungsweise die Agrarumweltmaßnahmen. Momentan wird diskutiert, wie die Agrarpolitik ab 2014 refomiert und "grüner" werden soll. Zur Debatte steht, dass sieben Prozent der Betriebsflächen ökologisch bewirtschaftet werden sollen. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Weiterhin soll die Landschaftspflege deutlich ausgebaut werden. Allerdings laufen die Agrarlobbyisten Sturm dagegen. Die europäischen Naturschutzverbände haben zwar ein gemeinsames Büro in Brüssel, deren Lobbyarbeit hat jedoch bei Weitem nicht die finanziellen Möglichkeiten der Agrarlobby. Wir wissen jedoch die Verbraucher hinter uns. Der NABU-Landesverband versucht zudem, bei diesem Thema Einfluss auf die Landespolitik zu nehmen.

Rückgang der Vogelarten

Rastatt - Die Vogelarten in unserem Agrarlandschaften und Siedlungsräumen befinden sich seit Jahrzehnten im Sinkflug. Eine aktuelle Studie der Dachorganisation Bird Life International und des European Bird Census Councils belegt, dass sich die Anzahl deutscher Vögel in den vergangen 30 Jahren sogar halbiert hat. In Deutschland stehten 60 Prozent der Feldvögel auf der Roten Liste, europaweit sind es nur gut 40 Prozent. Im ersten Teil eines Interviews beleuchtet NABU-Kreisgeschäftsführer Martin Klatt die Situation der Feldvögel, in einem zweiten Teil schließlich die der Vögel in Siedlungsräumen. Weitere Informationen bietet die Internetseite des Dachverbands Deutscher Avifaunisten, in dem alle ornithologischen Verbände in Deutschland zusammengeschlossen sind.

www.dda-web.de